Der Tagesplan eines Wanderreitführers / Pferdeguides

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Der Tagesplan eines WanderreitführersEin Wanderreitführer in der kanadischen Wildnis zu sein hört sich nach Spaß an. Es ist auch so, aber bei der Arbeit geht es um mehr. Die Tage sind lang, anstrengend und 16 Stunden ein Auge auf andere Menschen und Pferde zu haben kann ganz schön auslaugen. Versteht mich nicht falsch, das Gefühl der Freiheit und selbst für sein Schicksal verantwortlich zu sein, ist durch nichts zu ersetzten, obwohl die Arbeit hart ist.

Die Pferdeguides stehen um 5 Uhr auf um die Pferde zu holen, die normalerweise angepflockt 20 Minuten vom Camp entfernt stehen. Also beginnen wir den Tag damit, die Berge hochzuklettern. Dann müssen wir alle unsere Pferde und Ponys finden – manch sind abenteuerlustig – die Pflöcke aus dem Boden ziehen und die Seile zusammenrollen. Wir arbeiten immer zu zweit, das heißt, dass wir die Pferde aneinander binden müssen um sie zurück zum Camp zu bringen. Wir können maximal sieben Gäste mit zwei Guides betreuen, das macht mit zwei Packpferden 11 Pferde insgesamt. Sobald wir im Camp ankommen geht es mit der täglichen Routine los: füttern, satteln … der zweite Guide macht in der Zeit das Frühstück. Wir versuchen um 07:30 zu essen und nach dem Aufräumen sind wir bereit weiterzureiten. Am ersten und letzten Tag müssen wir die Packpferde mit allem beladen was wir brauchen, das dauert ca. eine Stunde, manchmal länger, wenn man spezielle Sachen wie eine Kettensäge mitnehmen muss.

Während der Tagesritte fühle ich mich am stärksten, wenn ich meine Umgebung anschaue. Sie ist dramatisch, riesig, wunderschön und ich fühle mich lebendig wie sonst nie. Auf dem Pferderücken fühle ich mich, als könnte mir nichts passieren. Das ist, wenn ich am nächsten an der Tierwelt dran bin. Ich habe Rotwild friedlich grasen gesehen, Grizzlybären wilde Beeren ernten sehen und Bergziegen mich von ihrem bergischen Tron beobachten sehen. Und das ist die Natur, das ist die Wirklichkeit, das ist wonach ich gesucht habe. Ich glaube, dass mir das Verständnis für meine Umgebung mir hilft mich selbst besser zu verstehen. In der Stadt fühle ich mich eingeengt, ich muss genau das tun, was alle anderen auch machen, denn sonst bin ich der Außenseiter. Hier sind die Regeln einfach: lebe mit dem Sonnenlicht, denn es ist die beste Lichtquelle und dein Körper braucht es, iss vernünftig, bewege dich und finde deine innere Mitte. Die Natur ist der Katalysator für all das. In der Natur fühle ich mich lebendig.

Nach den Tagesritten kommen wir zurück zum Camp, satteln die Pferde ab und binden sie wieder zusammen. Die Wanderreitführer beladen ihre Pferde mit allem was wir brauchen: den Pflöcken, den Seilen und dem Hammer und haben mehrere Handpferde, damit alle gleichzeitig auf die Wiese kommen. Es ist schwierig, wenn die Pferde aufgeregt sind und ihre eigenen Wege gehen wollen – hier ist Multitasking gefragt. Den Weg durch die Büsche finden, darauf aufpassen, dass man nichts verliert, dass deine Handpferde auch mitkommen und keins ausbüxt…und das du deine Füße aus den Steigbügeln nimmst, wenn du an einem steilen Hang reitest. Alle unsere Pferde haben Glocken um, sodass wir sie am nächsten Tag wiederfinden können, falls sie weglaufen sollten. Wir tun dennoch alles, um das zu verhindern. Wir pflocken sie an, das bedeutet, dass man den Pflock so tief wie möglich in den Boden hämmern muss und verbinden durch ein Seil den Pflock und das Pferd. Wir stellen sicher, dass keine Giftpflanzen in der Nähe sind, die die Ponys ausversehen fressen könnten, keine Bäume wo sie sich dran verheddern könnten, keine Klippe wo sie runterfallen könnten, kein Wasser wo sie ausrutschen könnten…und das jedes Pferd die anderen sehen kann ohne ihnen in die Quere zu kommen. Das Seil ist mehr eine Art Gedankenstütze, denn wenn sie nur fest genug ziehen, können sie den Pflock rausziehen. Pferde sind stark. Das Anpflocken dauert meist um die zwei Stunden und ist meiner Meinung nach der härteste Teil des Tages

Wenn wir zurück im Camp sind, kochen wir und führen notwendige Instandsetzungsarbeiten durch (einen Tisch bauen, die Pferdeäpfel wegräumen…). Nach dem Abendessen müssen wir unseren Papierkram machen und danach geht es um ca. 22 Uhr schnell ins Bett – an guten Tagen. Es gibt so viele Variablen die dazwischenfunken können und man weiß nie, wie der nächste Tag werden wird. Trotzdem über alle Eventualitäten nachzudenken hilft uns dabei die Möglichkeiten zu sehen und wir treffen erst die Entscheidung, wenn wir alle Variablen kennen. Ich hatte Angst, dass meine Arbeit hier langweilig sein würde, ich wurde aber nicht enttäuscht. Jeder Tag ist ein neues Abenteuer das darauf wartet erlebt zu werden.

Celina, Frankreich

 

Um die englische Version zu lesen, gehen Sie bitte zu Daily Schedule of a Horse Guide