Nachtreiter

with No Comments

NachtreiterVon mitte Mai bis Ende Oktober haben wir Grasrechte in weiten Gebieten außerhalb des Ranch Grundstücks, dass sich unsere Pferde frei und wild das grünste Gras der Gegend aussuchen können. Besonders nach einem Ritt in die Berge gönnen wir ihnen eine Pause von der Arbeit, wenn wir also die Halfter lösen und die Pferde frei lassen kann man ihnen ansehen wie sehr sie dieses Urlaubsprogramm genießen. Als ich herausfand dass wir unsere Pferde einfach so laufen lassen war ich sehr überrascht und habe mich gefragt ob wir sie jemals wieder sehen werden. Schnell erkannte ich, dass sie oftmals von allein zurück kehren sobald sie genug von dem Erhol-Programm haben, was ich einfach erstaunlich finde als jemand der Pferde nur in der Stallhaltung kennt. Es lässt sich außerdem ein Muster erkennen aus den Orten wo sich die Pferde aufhalten, man kann ihre Spuren verfolgen und die Halsglocke ist eine große Hilfe sie zu hören, wenn sie sich tief in den Büschen verstecken. Besonders lustig finde ich es, dass die Pferde keinen Mucks mehr von sich geben sobald sie hören, dass wir in der Nähe sind um nach ihnen zu suchen. Ziemlich schlau unsere Wildpferde!
So schön das Leben als Wildpferd auch ist, irgendwann ist es Zeit wieder an die Arbeit zu gehen. Ein paar Tage bevor unsere Reittouren starten packen wir Sättel, Trensen und Halfter ins Auto und besuchen die Orte, an denen wir unsere Pferde vermuten oder wo ihre Spuren uns hinführen. Meistens dauert das Ganze insgesamt 2-3 Stunden bis wir mit den Pferden zurück auf der Ranch ankommen. An einem Tag waren sie jedoch nicht an den Orten wo sie sich normalerweise aufhalten. Stattdessen haben sie eine Pferdestrecke von 2 ½ Stunden zurück gelegt um ihren absoluten Lieblingsort zu erreichen. Typisch, denn es war bereits 9 Uhr abends und wir brauchten sie am nächsten Tag für einen spontanen Ausflug. Nachdem wir einige Orte abgesucht hatten, fanden wir schließlich eine Gruppe aus 12 Pferden, also griffen wir nach den Halftern, dem Hafer und fingen so viele von ihnen ein wie wir konnten. Manche der frechen Ponies waren nicht ganz damit einverstanden dass es schon wieder Zeit zum arbeiten war, also fingen wir am Ende nur 7 von 12. Genug für den nächsten Tag. Nun war es bereits 10 Uhr abends und das Sonnenlicht begann zu verschwinden, gut dass wir unsere Helmlampen mit genommen hatten. Wir sattelten und banden die Pferde am Schweif aneinander, damit wir zu zweit alle mit nach Hause bekamen. Um 10.30 waren wir bereit los zu reiten und jetzt war die Sicht mehr als begrenzt. “Mach dein Licht aus”, sagte Christophe zu mir. “Was? Wieso? Ich sehe nichts!” antwortete ich. “Weil die Pferde nichts sehen können wenn dein Licht an ist” erwiederte Christophe.
Okay… Ehrlich gesagt, ich fühle mich so in der Dunkelheit schon nicht ganz wohl, also ein zweistündiger Ritt durch die komplette Finsternis und enge, buschige Wege in dem Land der Bären machte meine Blase sehr nervös. Aber ich hatte keine andere Wahl und auf der Ranch habe ich gelernt jede Herausforderung als ein Geschenk anzusehen, also ritten wir los, mit Aufregung und Schmetterlingen in meinem Bauch. Die ersten 45 Minuten ritten wir nur auf einer alten Straße, aber danach nahmen wir einen sandigen, buschigen Weg auf der rechten Seite. Ich überprüfte noch einmal meine Ponyreihe hinter mir und konnte Mowson gerade so erkennen, wie sein weißes Fell in der schwarzen Nacht schien. Die einzige Wahl die ich hatte war meinem trittsicheren und ruhigem Mädchen, Scout, blind zu vertrauen. Die Stille der Nacht gab mir ein merkwürdiges Gefühl. Keine Bäume die sich im Wind bewegten, keine reißenden Flüsse in der Nähe, kein Vogelgesang… Dann musste ich halt reden! Ich redetete mit Christophe, Scout, Windy (um ihn dazu zu bewegen das Tempo in der Front ein wenig anzuziehen), das meiste davon ergab nicht einmal Sinn. Nach einer Weile realisierte ich dass sich in den Büschen keine gemeinen Grizzlies oder Boogie-Männer versteckten und unsere Pferde sowieso viel besser in der Dunkelheit sehen können als wir, besonders wenn sie über Baumstämme, durch Gebüsch und Wasser gehen müssen. Wieder einmal haben unsere Mountain Cayuse Pferde bewiesen, die beste Lebensversicherung und Begleitung für einen Trip sind, die man sich wünschen kann. Mein Nachtritt war eines der vielen Abenteuer die meine Zeit auf der Ranch unglaublich aufregend gemacht haben und ich bin froh darüber, diese besondere Erfahrung gemacht haben zu können.

Fenja, 24, Deutschland